Hätte William (Willy) nur geahnt, wie sich dieser erste Schultag nach den Sommerferien entwickelt, er hätte sich noch einmal genüsslich umgedreht und weiter geschlafen. So allerdings muss er sich die Geschichte seines Freundes Thommi anhören, dessen kleiner Bruder einen schweren Autounfall nur knapp überlebt hat und dessen Eltern nun in einer schweren Beziehungskrise stecken. Aber das ist längst nicht alles. Melvin, ein neuer Schüler, vermiest ihm den Rest des Tages, weil ihn die Klassenlehrerin ausgerechnet an Willys Tisch setzt. Dabei liebt es William, sich an seinem Platz breit zu machen. Bis jetzt!
Melvin überragt mit seiner Körpergröße von 1, 83 Metern alle Kinder der Klasse 7b. Mit seinen kurz geschorenen Haaren und dem im Nacken einrasierten „M“ sieht er so „krass“ aus, dass er alle Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Mel, wie ihn seine Klassenkameraden bald nennen, scheint für Willys Sonderstatus in der Klasse eine echte Bedrohung zu werden. Dabei sind die beiden von Grund auf verschieden und kommen aus ganz unterschiedlichen familiären Verhältnissen. Während William mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Emma ein recht bequemes Leben führt, eckt Melvin überall an. Das er ein sozialer Problemfall ist und immer einer bleiben wird, steht ihm quasi auf der Stirn geschrieben – so meinen jedenfalls seine Lehrer. Melvins Eltern sind mit der Erziehung ihres Sohnes völlig überfordert. Geschwister hat Melvin keine. „Einer von der Sorte, ist mehr als genug“, so meint Melvins Vater, „auch wenn er noch so klug ist.“ Und das ist Melvin ganz bestimmt, davon jedenfalls geht sein Mathematiklehrer Herr Stein aus. Er ist der Einzige, der sich für seinen Schüler einsetzt und ihm eine Probezeit an der neuen Schule verschafft.
William indes ist ein durchschnittlicher Schüler und ein toller Judoka. Er liebt diesen Sport und möchte ein erfolgreicher Judo-Wettkämpfer werden. Deshalb trainiert er fleißig und hat auch die traditionellen Werte der Sportart verinnerlicht. Höflichkeit, Bescheidenheit, Mut und Respekt anderen gegenüber gehören dazu. Dennoch kann er auch im richtigen Moment selbstbewusst auftreten und Stärke zeigen. Eigenschaften die ihm bald nützlich werden im Konkurrenzkampf mit seinem neuen Klassenkameraden. Der findet Judo nämlich ziemlich „lasch“ und steht mehr auf Kickboxen. Einem anderen mal so richtig die Nase platt zu hauen, so meint Melvin, das lerne man da. Und das brauche man auch auf der Straße. Wie das auf der Straße wirklich aussieht, davon wird Melvin bald überrascht.
Dennoch hat auch Melvin seine guten Seiten, denn in Mathe und Physik ist er ein Genie. Willy hingegen ganz und gar nicht. In dieser Hinsicht bewundert er seinen Widersacher doch ein wenig. Und als Melvin Willy zum ersten Mal beim Judo erlebt, erkennt er, dass diese Sportart bestimmt nichts für lasche Typen ist. Melvin traut sich ins Judotraining und lernt dort Regeln, von denen er bisher höchstens etwas ahnte. Eigenschaften wie Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft hat er selbst kaum praktiziert, geschweige denn erlebt. Schließlich unterstützt er William sogar in seinen Vorbereitungen zu den bevorstehenden deutschen Judo-Meisterschaften und verhilft ihm so zu dessen größtem sportlichen Erfolg.
Als schließlich alle Hindernisse, die dieser ungewöhnlichen Freundschaft im Weg standen, bei Seite geräumt sind, beginnen die Probleme erneut. Schuld daran ist Lea, die mit ihren Künsten auf den Inlineskates enormen Eindruck auf William macht. Willy verliebt sich in Lea, aber es schient, als habe Melvin ein mindestens ebenso großes Interesse an dem Mädchen. Nun wird es sich weisen, ob die Freundschaft der beiden Jungen stark genug ist, um auch im Streit um ein Mädchen zu bestehen. Die Geschichte findet ein äußerst unerwartetes Ende. In jedem Fall lernen William und Melvin, dass es sinnvoller ist miteinander zu sprechen, anstatt schweigend vor sich hin zu brüten
Ein spannendes Buch über die Höhen und Tiefen einer Jungenfreundschaft, für Leser im Alter zwischen neun und zwölf Jahren.. Nebenbei lernen die jungen Leser und Leserinnen auch etwas über die asiatische Kampfsportart Judo. Viele Kinder werden allein durch die sportliche Thematik angesprochen, wenngleich die Anekdoten um die Erlebnisse der Kinder im Vordergrund stehen. Ein Buch also nicht nur für Judoka. Der Text ist dem Sprachverständnis der Altersklasse angepasst, enthält aber auch bewusst einzelne schwierige Begriffe, die zum Nachfragen anregen sollen. Das Buch ist sicher auch für den Deutschunterricht der vierten bis sechsten Klassen geeignet. Es lohnt sich bestimmt, die sozialen Werte des Kampfsports im Unterricht aufzugreifen und zu diskutieren.
Yvonne Wagner